Auszeichnungen

2001 Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Heidenreichstein
2009 Löwenherz – großer Niederösterreichischer Preis für sozial mutiges Handeln
2015 Papst-Leo-Preis – für besondere Verdienste um die katholische Soziallehre
2015 Goldenes Ehrenzeichen der Stadt Heidenreichstein

Sowie mehrere Preise mit Projekten

Betriebsseelsorge: Vertrauen bei geringem Interesse

Quelle: religion.orf.at

Die großen Auseinandersetzungen und das Misstrauen zwischen Kirche und Arbeitern gibt es nicht mehr, „sondern meist ist diesen die Kirche schlicht wurscht“: Das betont der Betriebsseelsorger im Oberen Waldviertel, Karl Immervoll, in einem Interview für „Kirche bunt“.

Den meisten Priestern fehle heute die Zeit, in die Betriebe zu gehen, bedauerte Immervoll, der am 1. September in den Ruhestand tritt. Er sieht die Kirche „leider oft weit weg von den Lebensrealitäten der Menschen“.

Immervoll und sein Team haben ein dichtes Netzwerk geschaffen und können dadurch vielen schwer vermittelbaren Menschen ohne Job helfen. Für den Heidenreichsteiner zählen nicht die Statistiken, sondern die konkreten Lebensgeschichten der Betroffenen. Als er 1983 begonnen hatte, gingen allein in der Textilindustrie 2.000 Arbeitsplätze in Heidenreichstein verloren. Auf diese Menschen sei sein Team zugegangen, indem viele Beschäftigungsprojekte verwirklicht wurden.

Betriebsseelsorge benötigt vielfältiges Team

Betriebsseelsorge sei komplex, so Immervoll. Man brauche ein Team, in das jeder verschiedene Kompetenzen einbringe – vom Vereinsrecht über Soziologie bis hin zur Ökonomie. Es brauche ein großes Konglomerat an Wissen.

Bei seinem Team sei der Fokus bei Personen gelegen, die von der Erwerbsarbeit ausgeschlossen waren, man habe hunderte Jobs geschaffen für Menschen, die ganz schwer vermittelbar seien – etwa die Waldviertler Schuhwerkstatt, die Emailwerkstatt in Langegg, die Greißlerei in Heidenreichstein, eine ökologische Putzagentur in Groß-Siegharts, das Kinderhaus Blümchenclub, die Heidenreichsteiner Arche oder die Lehrlingsstiftung Eggenburg.

„Meine Frage an Arbeitslose ist immer: Was kannst du denn gut? Fabriksarbeiter wussten darauf oft keine Antwort, weil sie ‚nur‘ in der Fabrik arbeiteten. Im Gespräch merkt man, wie viel Potenzial bei den Leuten oft da war“, so Immervoll.

Wegen Corona Lehrstellen weggebrochen

Früher seien Jugendlichen leichter in Unternehmen untergekommen, konstatierte er. Durch die Corona-Krise sei die Jugendarbeitslosigkeit wiederum um hundert Prozent gestiegen: „Es fallen Lehrstellen weg, Betriebe ziehen sich zurück. Schwer Vermittelbare sind heute praktisch chancenlos. Und das geht in die nächsten Generationen über.“

Oft würden neben Arbeitslosigkeit noch weitere Probleme dazukommen – von schlechten Zähnen bis zu kaputten Kühlschränken, deren Reparatur nicht bezahlt werden könne, reiche die Palette. Beim Hören von Lebensgeschichten von Leuten bekomme er oft „großen Respekt, wie diese ihre Situation und den Alltag meistern, das berichten bloße Statistiken nicht – diese Lebensgeschichten und Erfahrungen berühren sehr“, so der Seelsorger.

Förderung von Menschen mit speziellen Fähigkeiten

Sein Team habe mehrere Betriebe saniert, und so kenne er die unternehmerische Seite wie auch jene des Arbeitnehmers gut. Vom Psychisch-Menschlichen her handle es sich bei den Betreuten oft um „ein wenig komplizierte Typen, deren oft einzigartige Fähigkeiten nicht gefragt“ seien, die sie aber gerne positiv in die Gesellschaft einbringen würden.

Die Betriebsseelsorge könne dafür einen Rahmen geben. „Wir geben den Menschen die Möglichkeit und Freiheit, jenen Tätigkeiten nachzugehen, die sie wirklich und von Herzen gerne tun – aber ohne Druck. Das sind oft gesellschaftlich unverzichtbare Arbeiten. Bezahlte Arbeit aber finden manche dieser Personen, die vielleicht zu alt oder krank sind, nicht.“

Zum christlichen Auftrag als Betriebsseelsorger sagte Immervoll, man müsse aufhören, auf jedes Problem eine Antwort zu geben. „Wir wollen dort sein, wo die Not am größten ist. Und wir glauben, dass man Gott am nächsten ist, wenn wir bei den Ärmsten und Schwächsten sind. Die Option für die Armen ist uns ins Herz geschrieben“, so sein Fazit.

religion.ORF.at/KAP

Arbeitslosigkeit: Er nervt, bis er gewinnt

Karl Immervoll hilft Arbeitslosen im Waldviertel dabei, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und will damit die Gesellschaft verändern.

Bild der Zeitschrift "Die Zeit"

Von Gunther Müller
2. Oktober 2017, 6:26 Uhr
Aus der ZEIT Nr. 40/2017

Karl Anton Immervoll
"Hören Sie auf, unsere Heimat zu vernichten", stand auf einem Flugblatt, in dem Immvervoll angegriffen wurde. © Andreas Jakwerth für DIE ZEIT

Rückschläge ist Karl Immervoll gewohnt, das Antwortschreiben des Kulturministers war daher keine allzu große Enttäuschung. Thomas Drozda bedankte sich in einem Brief für Immervolls Initiative, versicherte großes Interesse an dessen Projekten mit Langzeitarbeitslosen. Leider könne sein Ministerium aber nichts für ihn tun. „Mit solchen Nachrichten kann ich mittlerweile mein Wohnzimmer tapezieren“, sagt Immervoll, und das ist nicht übertrieben.
Seit 40 Jahren kümmert sich der Theologe, Musiker und Schumacher um die Schwächsten in der Gesellschaft. „Betriebsseelsorger des Oberen Waldviertels“ lautet seine Berufsbezeichnung. Was das genau ist? „Es gibt keine eindeutige Definition, grundsätzlich geht es darum, mitzuhelfen, die Arbeitswelt ein bisschen gerechter und menschenwürdiger zu machen“, sagt Immervoll. Dafür hat ihn die Diözese St. Pölten 20 Wochenstunden angestellt. Der reale Arbeitsaufwand ist wohl doppelt so groß, das Gehalt nicht gerade fürstlich.

Drei Tage die Woche ist Immervoll mit dem Fahrrad oder in seinem klapprigen Suzuki Vitara unterwegs. Mal besucht er Betriebe und versucht bei Konflikten zu vermitteln. Meistens trifft er sich mit Langzeitarbeitslosen in der Region, um ihnen Mut zu machen und gemeinsam Zukunftspläne zu schmieden. An anderen Tagen muss Immervoll dann Förderansuchen einreichen. Oder er nervt Politiker und Behörden, bis die einknicken und der Finanzierung eines Projektes zustimmen.

Warum tut sich ein 62-jähriger Kirchenmusiker, der zweimal die Woche in einer Musikschule unterrichtet, der eine Ehefrau und drei berufstätige Kinder hat und in einem kleinen Eigenheim am Stadtrand von Heidenreichstein wohnt, so etwas an? „Weil ich nicht anders kann“, sagt Immervoll mit sonorer Stimme und zitiert die Berufungsgeschichte des Propheten Ezechiel: „Für mich ist der Satz ‚Steh auf Menschensohn, ich will mit dir reden‘ der vielleicht wichtigste in der Bibel. Es geht mir immer darum, anderen dabei zu helfen aufzustehen, damit sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen.“
In Immervolls Umfeld gibt es viele, die Hilfe benötigen. Heidenreichstein ist eine 4.000-Seelen-Gemeinde im Nirgendwo des nordöstlichen Waldviertels. Es gibt wenig Arbeit und viel Frust. Die zahlreichen Textilbetriebe von einst haben fast alle zugesperrt. Die Jungen ziehen weg, die Älteren bleiben zurück. Auch Karl Immervolls Kinder leben in Wien und St. Pölten. „Ich kann es niemandem verübeln, der von hier weggeht“, sagt er.

In der Arche, einem Zentrum für Soziale Entwicklungshilfe, sitzen an diesem Freitag elf Langzeitarbeitslose um einen Tisch, der Jüngste ist Anfang 20, der älteste 60 Jahre alt. Jetzt ist ein Mann namens Johann an der Reihe. Weil er im Dienst zu viel trank, wurde der 48-jährige Baggerfahrer entlassen. Den Alkohol hat er heute im Griff, Arbeit findet er keine, weil Johann gar keinen Führerschein hat. Die Prüfung nachholen? „Geht nicht, ich habe Probleme mit dem Computer“, sagt Johann. Soll heißen: Er kann weder lesen noch schreiben.

Karl Immervoll, der die Treffen ins Leben gerufen hat, reibt sich den borstigen grauen Bart und kritzelt in seinem Notizblock. Dann sagt er: „Okay, wir besorgen dir eine Lernhilfe, damit du den Theorieteil schaffst.“ Wie das funktionieren soll? Wahrscheinlich wird Immervoll den Bürgermeister anrufen. Oder die Geschäftsstelle des AMS Niederösterreich. Oder im Bund.
Aufgeben wird Immervoll nicht so schnell. „Ich kann nie und nimmer Ruhe geben, wenn ich die Möglichkeit sehe, dass sich etwas zum Besseren wenden kann“, sagt er. Ich habe schon so viele Absagen und Niederlagen erlebt, aber wenn ich kleine Erfolge erlebe, dann weiß ich wieder, dass es sich lohnt zu kämpfen.“

Wahrscheinlich hätte Karl Immervoll einen guten Priester abgegeben. Als Sohn eines sozialdemokratischen Textilunternehmers war er als Kind selten in der Kirche. Zum Glauben fand er über die Musik. Die Eltern schickten das Kind zum Orgelunterricht. Immervoll lernte schnell und spielte bald fehlerfrei Bach-Fugen. Der örtliche Priester engagierte den jungen Karl daraufhin als Organisten für Sonntagsmessen.
Nach der Matura wollte Immervoll Theologie studieren. Das schmeckte dem Vater gar nicht, als Kompromiss immatrikulierte er sich halbherzig in Mathematik und technischer Astronomie. Mit Anfang 20 stieg er bei der Katholischen Jugend in Wien ein. Mehr und mehr suchte er Kontakt zu Jugendlichen in seiner Heimatgemeinde und besuchte die Lehrlinge in Textilunternehmen. Es war der Beginn seiner Laufbahn als Betriebsseelsorger.

Wenn Karl Immervoll, der sich einen Linken nennt und sich auf die lateinamerikanische Befreiungstheologie sowie die christliche Soziallehre beruft, mit seiner Franzosenmütze und der knallroten Windjacke durch Heidenreichstein streift, grüßen ihn die meisten Passanten freundlich. „Ein herzensguter Kerl, aber auch ein bisschen ein Spinner“, nennt ihn eine Dame in der Bäckerei. Als „die gute Seele von Heidenreichstein“ bezeichnet ihn ein älterer Herr mit Gehstock.

Ernsthaften Gegenwind in der Bevölkerung erntete Immervoll, als vor ein paar Jahren 120 Flüchtlinge in Heidenreichstein angesiedelt wurden. Immervoll engagierte sich für die Neuankömmlinge, suchte für sie Unterkünfte, beschäftigte manche als Hilfskräfte für Gartenarbeit. Das kam nicht überall gut an.

Diesen April kursierte ein Flugblatt mit einem Foto von Immervoll. „Hören Sie auf, unsere Heimat zu vernichten, wir haben Ihnen nichts getan“, steht darauf.

Mit dem roten Bürgermeister Gerhard Kirchmaier kommt Immervoll gut aus, völlig friktionsfrei ist die Zusammenarbeit freilich nicht. „Wir sind finanziell sehr eingeschränkt und können viele seiner Projekte nicht unterstützen“, sagt Kirchmaier. „Ich bewundere Immervoll für seine Hartnäckigkeit und seinen grenzenlosen Enthusiasmus. Und ich sehe ihm an, wie enttäuscht er ist, wenn eine langfristige Finanzierung nicht klappt.“

Das passierte zuletzt mit den einst gefeierten Solartaxis, für die Immervoll eine Förderung organisiert hatte. Die Idee: Langzeitarbeitslose, die außerhalb von Heidenreichstein leben und kein Auto haben, sollen für wenig Geld ins Ortszentrum kommen, um nicht in die Isolation abzudriften. Ältere Bewohner konnten so Arztbesuche und Einkäufe erledigen. Die Story war ein Erfolg, die Lokalmedien jubelten. Bis die Förderung auslief und keine neuen Geldgeber gefunden wurden.

Immervoll hat im Laufe seiner Karriere als Betriebsseelsorger Dutzende solcher Projekte gestartet. In den achtziger Jahren gründete er mit einer Gruppe von Arbeitslosen eine Schuhfabrik, die später ein Unternehmer aus der Region übernahm. Ein paar Jahre später rief er die Regionalwährung Waldviertler ins Leben, um die örtliche Wirtschaft anzukurbeln. Immervolls zentrales Anliegen sind aber seit je die Langzeitarbeitslosen.

Immer wieder besucht er Tagungen zum Thema, saugt Fachliteratur auf, will ein Umdenken bewirken. „Die Anerkennung des Einzelnen in der Gesellschaft ist der Schlüssel für ein friedliches und gutes Zusammenleben“, sagt Immervoll. „Es geht darum herauszufinden, welche Talente die Leute haben.“ Beim Gruppentreffen der Arbeitslosen in der Arche sitzt auch Anita Zimm. Momentan kann sie nicht sagen, was sie künftig unternehmen möchte: Vielleicht wieder als Floristin arbeiten oder sich sogar selbstständig machen? Hier soll sie es herausfinden.

Die dreifache Mutter erzählt, wie sie nach der Scheidung in eine Depression schlitterte und ihren Job verlor. Anita hat derzeit zwei Aushilfsjobs und nimmt am Programm „Sinnvoll tätig sein“ teil, das Karl Immervoll initiierte. Wer hier mitmacht, bekommt 18 Monate lang ein Grundeinkommen, ohne sich beim AMS melden zu müssen. Einzige Bedingung: Die Teilnehmer verpflichten sich zu wöchentlichen Gruppensitzungen, in denen sie reflektieren, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen.

Allmählich rücken solche Ideen in den Mainstream. Im April dieses Jahres präsentierte Sozialminister Alois Stöger die Aktion 20.000. Das Ziel: Für ältere Menschen sollen sinnvolle Arbeitsplätze in Gemeinden und Unternehmen geschaffen werden. Der Betriebsseelsorger hält das für einen ersten Schritt in die richtige Richtung. „Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich an ihrem Umgang mit den Schwächsten“, sagt Immervoll.

„Liberal und christlich sozial“ nennt auch die ÖVP unter Parteichef Sebastian Kurz ihr Parteiprogramm. Wer den ansonsten so stoischen Karl Immervoll wütend erleben will, muss ihn darauf ansprechen. „Die ÖVP hat in ihrer momentanen Verfassung den Anspruch an das Christliche verloren“, faucht er. Unter einem Kanzler Kurz befürchtet Immervoll eine Enteignung der Arbeitslosen durch ein Hartz-IV-Modell für Österreich.

In wenigen Wochen wird Österreich eine neue Regierung haben. Die Minister werden nach der Angelobung Post von Karl Immervoll bekommen. Abwimmeln oder ignorieren ist keine gute Taktik bei dem Mann. Man denke noch einmal an den Propheten Ezechiel. „Der ist so oft auf die Nase gefallen“, sagt Immervoll. „Am Ende ist er immer wieder aufgestanden. Das hat sich gelohnt.“

1984 Selbsthilfe
Am 2. Mai 1984 wird eine Schuhwerkstatt im Waldviertel eröffnet, die von einer Gruppe Arbeitsloser und Karl Immervoll gegründet wurde. So entstehen sieben neue Arbeitsplätze.


2016 Neue Perspektive
Das AMS Niederösterreich erklärt sich bereit, das Projekt „Sinnvoll tätig sein“ zu unterstützen. „Es bietet 44 Personen damit eine neue Perspektive für ihre Zukunft“, sagt Immervoll.